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Kolumne: Ist Jacquemus das genialste High-Fashion-Label aller Zeiten?

Gestern Abend bin ich in unserem Haus die Treppe runtergefallen. Ich trug Birkis an den Füßen und meinen Welpen auf dem Arm. Ich slidete buchstäblich aus einer Latsche raus und fiel mit Caramba mit dem Rücken auf die Stufen. Mein erster Gedanke war: "Geht's dem Hund gut?", mein zweiter: "Kann ich meine neuen Jacquemus Heels am Wochenende noch tragen?". Dem Chien ging's super, er landete fest in meinem Arm auf meinem Bauch. Meinem Fuß und Rücken ging es so lala. Die besagten Heels lass ich wohl erst mal im Schrank, was mich jedoch dazu bewegte über diese Meisterwerke intensiver nachzudenken: Denn Jacquemus ist eins der wenigen Labels dieser Welt, das mit seinen Produkten nicht nur Mode, sondern auch ein Lebensgefühl mitverkauft, das man nie wieder hergeben möchte. So zum Beispiel auch bei mir: Bei meinem anstehenden Trip nach Paris habe ich dieses Paar fest eingeplant – in meine Looks und auch in mein Savoir-vivre, das ich mir vorgenommen hatte, dieser Tagen auszuleben. Aber wie macht dieses Label das? Und was hat es, das andere Labels nicht drauf haben?



Die Anwort darauf ist so simpel wie naheliegend und trägt den Namen Simon Porte Jacquemus. Mit gerade mal 19 Jahren launchte der Designer seine Modemarke Jacquemus (ganz wichtig: "ʒake–mys" ausgesprochen). Das war 2009 und zu dieser Zeit hatte er bereits eine klare Vision, jedoch keinerlei finanziellen Support. Seine Marke war eine One-Man-Show, bei der Simon jede Aufgabe vom Design bis zum Marketing selbst übernahm. Daher machte er auf eigene Faust, das was wenig kostet, aber für viel Wirbel und Aufmerksamkeit sorgt: eine Guerilla-Fashion-Show inmitten von Paris. Mit unbekannten Models, die seine bunten Entwürfe trugen und Flugblättern in der Hand, machte er das 1. bis 3. Arrondissement unsicher. Der Stil der Kollektion war frisch, unkonventionell und unverkennbar französisch. Die Aktion trug Früchte und sorgte dafür, dass Shops wie Opening Ceremony und Dover Street Market auf ihn aufmerksam wurden und fortan eine kleine Auswahl an Pieces von ihm verkauften. Doch das war für ihn noch lange nicht genug, und so launchte er seinen eignen Online Shop. Die Preise: Für 200 bis 500 Euro sollte dort jede Frau etwas Unvergleichliches und super Feminines finden, das sie ihr ganzes Leben lang lieben würde. 2012 shootete er auf eigene Kosten ein, wie ich finde, unfassbar gutes Lookbook für seine Spring-Summer-Kollektion – als Model fungierte keine geringere als das Pariser It-Girl Caroline de Maigret, die vor der Linse super stylisch und samt Tieren das Country Life verkörperte. Auch seine erste Runway Show im Jahr 2013, die in einem französischen Schwimmbad stattfand, finanzierte er selbst. Immer wieder erhielt das junge Talent Applaus für seine Arbeit, immer wieder wurde für diverse Auszeichnungen nominiert – und immer wieder reichte es nicht für den Sieg. 2014 wurde er sogar für den renommierten LVMH Prize nominiert und landete unter den Finalisten, doch für einen Gewinn reichte es leider wieder nicht aus. Doch auch das war kein Grund für Simon aufzugeben! Er zog durch, glaubte fest an seine Vision – und das sollte belohnt werden. Nur ein Jahr später gewann er für seine erste Pre-Fall Kollektion mit dekonstruktiven Designs endlich den LVMH Prize; und ab da ging es steil bergauf! 2017 schickte er einen gigantischen Strohhut über den Laufsteg, der ihn zum Durchbruch katapultierte als gäbe es kein Morgen mehr:



Jacquemus etablierte sich nun mit seinem einzigartigen Design und seiner starken Markenidentität. Die Kollektionen zeichneten sich durch klare Linien, leuchtende Farben und übergroße Silhouetten aus, die immer eine spielerische Eleganz ausstrahlten. Mittelpunkt der ultrafemininen Kollektionen: Zu asymmetrischen 3/4-Kleidern trugen die Models noch nie zuvor gesehene Accessoires, die einfach unverkennbar waren! Bunte Single-Ohrringe, überdimensionale XXL-Strohtaschen, Sandalen mit unterschiedlichen geometrischen Absätzen…



Seine "La Bomba"-Kollektion legte den Online Shop lahm, denn alle wollten ein Stück vom Jacquemus-Lifestylekuchen abhaben. Dann präsentierte er seine Chiquito-Bag, die es von normalen Größen bis hin zur Mini-, nein, Mikro-Version gab:



2019 brachte er dann endlich auch eine Herrenlinie heraus: unkonventionell, bunt und lässig. In der italienischen Botschaft ließ er für seine Models kurzerhand mal einen Laufsteg errichten. Dann folgte seine SS '20 Show, die auf Instagram so viral ging wie bis heute keine andere Fashion Show mehr: Zum 10. Jubiläum schickte er als Hommage an seine Kindheit Models durch unendliche Lavendelfelder der Provence, für die die Fashion Crowd ohne Wenn und Aber ins Off pilgerte. Eine Sensation, bei der mir persönlich der Atem stockte. Ich wusste nicht, was mir mehr Gänsehaut bescherte – die unschlagbaren Kreationen (I mean, wir erinnern uns alle an den knallpinken Oversize-Blazer…) oder die unschlagbare Location.



In den Jahren darauf überschlugen sich die pompösen Kulissen seiner Präsentationen: 2021 führte er seine Kollektion in ein Strohfeld vor, 2022 zwischen Palmen auf Hawaii und später in Salzdünen der Camargue, im Bourget Airport und, na klar, dann noch im Schloss Versailles. Was sonst? Die letzte Präsentation fand im Privatmuseum "Fondation Maeght" im französischen Saint-Paul-de-Vence statt und zeigte super glamouröse Looks.



Mittlerweile flanieren nicht mehr Unbekannte, sondern Topmodels wie Kendall Jenner, über seine Runways, It-Girls wie Gigi Hadid und Dua Lipa gelten als Simons Musen und Besties und seine Front Rows werden von Ikonen wie Julia Roberts und Kylie Jenner geflutet.



Vor ein paar Tagen brachte er nun auch noch eine Hochzeitskollektion heraus. Ein Konglomerat aus Mode und Accessoires für die Braut, den Bräutigam und Gäst:innen, für die ich persönlich keine Hochzeit mehr brauche. Ich würd die Teile im Sommer einfach so tragen, downgraded, mit lässigen Accessoires wie Sneakern, Stiefeln und nem Cap. Natürlich, ich mein, na-tür-lich, kam die Kollektion nicht einfach so herraus, sondern mit einer super coolen Mega-Kampagne:



Jeder von uns wird jetzt denken: Wow, alle Ziele erreicht und übertroffen. Aber doch nicht Simon Porte Jacquemus! Der gab sich mit meisterhaften Designs und einem Fan- und Freundeskreis der Celebrity-Extraklasse nicht zufrieden. Er dachte sich weitere PR-Coups aus, die die Welt ins Staunen versetzen. Nur mal so als Beispiel: Der Gute erstellte von seiner legendären Bambino Bag Supersize-Modelle, die er Bussen und Autos "anzog". Die flizten dann durch die Pariser Innenstadt. Noch Fragen?



Auch auf den Collab-Train ist Jacquemus aufgesprungen und veröffentlichte Kollektionen mit Nike und Tekla. Und natürlich eröffnete Jacquemus auch noch ein Restaurant und ein Café in Paris und einen Beach Club in St. Tropez. Ganz klar. Ach ja, schließlich folgte noch eine Home-Kollektion… Okay, sorry, ich muss jetzt erstmal wieder Luft holen. Aber eins steht fest: All die Erfolge, vor denen er sich kaum retten konnte, ließen Jacquemus zu dem Power House avancieren, das es heute ist.



Was Jacquemus von anderen High-Fashion-Labels unterscheidet, ist seine Fähigkeit, eine emotionale Bindung zu seinen Kunden herzustellen. Die Marke verkörpert das französische Lebensgefühl und strahlt eine gewisse Leichtigkeit und Lebendigkeit aus, die viele Menschen anspricht. Außerdem versteckt er sich nicht hinter seiner Marke, sondern managt seinen Instagram-Account einfach mal selbst und zeigt dabei ganz ungeniert auch sich und sein Privatleben, das ihn so unglaublich nahbar macht: seine Mama, seine Hochzeit mit dem Mann seines Lebens und – vorgestern – sogar die Geburt seiner Zwillinge Mia und Sun.



Simon Porte Jacquemus ist meines Erachtens nach nicht nur ein Mode-Maestro, sondern ein Genie, er hat ein Gespür für das Unvorhersehbare wie kein anderer – und schläft ganz offensichtlich nie. Seine PR-Stunts sind unschlagbar, und damit meine ich nicht nur die PR für sein Label, sondern auch seine Eigen-PR. Nennt mir auch nur einen einzigen Designer aus der High-Fashion-Bubble, der da mithalten kann, ich warte.


Text: Anastasia Marks

Bilder: ©Jacquemus, instagram.com/jacquemus

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