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Kolumne: Alte (Nike Cortez) Liebe rostet nicht

Heute feiert CÉRIOUS gleich zwei Prämieren auf einmal: Zum einen erscheint hier erstmals die neue Kolumne unserer Chefredakteurin Anastasia Marks, die über Trends und Kapriolen schwadroniert, und zum anderen sind wir zum ersten Mal Teil des legendären Newsletters "Entre Amis". Wie, den kennt ihr noch nicht? Dann aber mal zügig hier klicken und anmelden! Denn da gibt's regelmäßig die heißesten Tipps aus Kunst, Kultur, Mode und der Sandwich-Welt, ganz pünktlich zum Wochenende – und so ganz unter Freunden…



Alte Lieben soll man ja bekanntlich nicht neu aufwärmen, weil’s nie so lecker wird wie beim ersten Mal. Gilt so ziemlich für alles bis auf die Liebe zu Spag Bolo – die schmeckt beim erneuten Aufwärmen nämlich noch viel besser als frisch gekocht. Aber das war’s dann auch! Oder ist die Weisheit etwa auch im Sneaker-Game hinfällig? Die Antwort verbirgt sich vermutlich irgendwo zwischen Kung Fu-Kenny, Farmers Market-Flex und Forrest Gump-Nostalgie.



Mit 13 Jahren machte ich mit der Musikschule einen Austausch in die Nähe von Paris. Meine Mum gab mir damals 100 Euro mit – „nur für den Notfall, für Snacks und Trinken“… Tja, für eine Rundum-Essensversorgung war bereits gesorgt, aber als ich in unserer Freizeit in einer kleinen Nebenstraße einen übelst guten Streetwear-Store entdeckte, blieb mein kleines Herz fast stehen: Da stand er, der für mich damals perfekte kleine Sneaker für meine Größe-34-Füße: der Nike Cortez in einem dunklen Maus-Grau-Blau mit cremefarbenen Wildleder Swoosh. Ein klarer „Notfall“, versteht sich. Da würde mir meine Mum sicherlich Recht geben, dachte ich noch, und schwupps, war er eingetütet. Geld für Postkarten hatte ich nicht mehr übrig, aber die Treter trug ich bis ich irgendwann stolz Größe 36 erreichte. Damit ging meine erste große Sneaker-Liebe zu Ende. Danach gab’s erstmal lange Zeit nur Flirts mit Schuhen wie dem Adidas Superstar oder dem Nike Blazer. Was Kids in den frühen 2k damals halt glücklich machte.


Nun war ich kurz vor Neujahr mit meinem Mann im dänischen Aarhus (absoluter Reisetipps übrigens! War dort nicht war, hat nicht gelebt) und obwohl das Städchen gerade mal 336.000 Einwohner hat, gibt es den ein oder anderen kleinen Store, in dem man übelst gute Kicks kriegt, die sonst überall vergriffen sind. Naked Copenhagen zum Beispiel. Da spazierten wir nichtsahnend rein und mit einer pinken Stoffbag wieder raus. Darin: waldgrüne Nike Cortez. Während ich noch grübelte, tütete mein Mann sie bereits für mich ein. In den letzten Monaten feierte der Cortez dann ein klammheimliches und stilles Comeback. Einige würden sagen, er war nie weg – was auch stimmt, aber Hand aufs Herz, so richtig da war er jetzt auch nicht – andere wiederum sehen für ihn keine lange Überlebenschance. Hat der Cortez also seinen Zenit längst überschritten und nur noch eine Richtung einzuschlagen – und die führt abwärts in den Sneakerkeller?


Anastasia und ihre Nike Cortez
Anastasia und ihre Nike Cortez

Tja, seh ich nicht so! Dafür kommen mir Retrotrends viel zu regelmäßig zurück. Gerade in der Sneakerwelt. Wenn ich etwas in 23 Jahren Sneakerliebe gelernt hab, dann das: the hype is over? Gut, pack den Sneaker in seinen Karton und verbarrikadier ihn ganz hinten im Schrank für die kommenden paar Jahre. Und glaub mir, sie kommen wieder!

Wer das ganz ähnlich zu sehen scheint, ist kein geringerer als Jeremy Allen White. Der gefeierte Schauspieler ist nämlich nicht nur Oscargewinner, sondern auch Cortez-King. Der 33-Jährige flext zurzeit jedes Wochenende auf dem Weg zum L.A. Farmers Market in Chino, Jeansjacke, Cap, mit Fluppe und …Cortez! Er trägt sein Paar aber nicht nur privat ununterbrochen rauf und runter (es gab sogar schon Petitionen, er solle seine Schuhe doch endlich mal gegen ein neues, sauberes Paar ersetzen, aber Nike stellte die Produktion seiner geliebten White-on-Whites ein, also weiter geht’s). Sondern auch in der gehypten Kultserie „The Bear“, in der er die Hauptrolle als Küchenchef spielt. Lässig weiße Cortez zur maßgeschneiderten Thom Browne Kochschürze? Yes, Chef!

Aber wann und wie entstand der Turnschuh eigentlich und was machte ihn so berühmt? Und was haben ein Rechtsstreit und Fashion Weirdos wie Shia LaBeouf damit zu tun? Das schauen wir uns jetzt mal genauer an: 1972 kreierte Nike-Mitbegründer Bill Bowerman den Schuh mit der Intention einen bequemen und strapazierfähigen Laufschuh für das Distanztraining und gleichzeitig die Straße zu erschaffen. Seine Einführung fiel mit dem Höhepunkt der Olympischen Spiele 1972 in München zusammen und erregte sofort die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit, die die Treter der Sportler unbedingt nachkaufen wollte. Ein echter Coup für Nike! Doch der Hype brachte auch Ärger ins Paradies und bis zum heutigen Namen des Nike Sneakers war es ein steiniger Weg: Der Prototyp des Cortez hieß nämlich „Mexico“. Als der Schuh fertig war, nannte Nike ihn „Aztec“. Doch da läuteten bei adidas die Alarmglocken, denn der Konkurrent hatte bereits einen Leichtathletikschuh auf dem Markt, der „Azteca Gold“ hieß und drohte natürlich mit rechtlichen Schritten. Daraufhin konterte Nike mit einem subtilen Seitenhieb, indem das Unternehmen den Schuh nach dem spanischen Eroberer Hernan Cortés benannte – dem Typen, der zum Untergang des Aztekenreiches beitrug. Dann gab’s noch einen Gerichtsstreit mit Onitsuka Tiger, weil Bowerman den Schuh damals noch in Zusammenarbeit mit der japanischen Marke designte und beide den Schuh dann eine Zeit lang unter dem Namen Cortez verkauften (Nike mit Swoosh, Onitsuka ohne). Nike gewann den Streit schließlich und Onitsuka Tiger (heute Asics) nannte seinen fortan Corsair. Jahre später schrieb der Cortez Filmgeschichte: 1977 mit Farrah Fawcett in „Charlie’s Angels“, die die Frauenversion Señorita Cortez zur Schlagjeans und Föhnfrisur trug und 1994 mit Tom Hanks in „Forrest Gump“, der im Film über den Schuh sagte: „Das ist das beste Geschenk, das ich je bekommen habe“. Auch Gangster Rapper der West Coast entdeckten den Schuh für sich und nannten ihn den "Dopeman's Nike“ als Hommage an den legendären Hip Hop Track „Dopeman“, in dem es hieß: "To be a dopeman boy, you must qualify. Don't get high from your own supply.“ In den 80ern scannte sogar die LAPD die Schuhe der Gangs nach ihren Farben, denn fest stand: die weißen Cortez mit dem blauen Swoosh wurden von den Cripps getragen und die schwarzen mit dem weißen Swoosh von den Bloods. Daher wurden sie Anfang der 90er sogar in Schulen verboten.

Und heute? Flanieren It-Girls wie Emily Ratajkowski, Rapper wie Tyler, the Creator und selbst Modemuffel wie Hottie Shia LaBeouf darin durch die Straßen und inspirieren uns damit Tag ein, Tag aus. Kendrick Lamar brachte als Kung Fu Kenny sogar eigene Versionen mit Nike heraus und selbst Luxus-Retailer wie Net-a-Porter verkaufen den Sneaker heutzutage.



Seit seinem Launch feiert der Cortez etwa alle 8 bis 9 Jahre einen Mini-Hype und ist (nicht nur, aber vor allem) bei Fashion Weirdos total beliebt. Er ist eben kein Jordan 1er, weil er weniger „ka-woom“ und „in your face“ ist, aber das möchte er auch gar nicht sein. Seine Aufgabe ist es, selbst dem schnieksten Outfit ein lässiges Downgrade zu verpassen. Und gerade das macht ihn wohl immer wieder so beliebt.

Anfang dieser Woche wurde ein neuer Cortez revealt, der im Sommer für ca. 90 Euro in den Verkauf gehen soll; der Nike Cortez “White/Light Armory Blue”. Eisblaue Farbakzente mit einer knackig weißen Lederbasis und grauen Overlays. Egal, ob auf der Straße oder ins Gym, diese Turnschuhe bieten die perfekte Mischung aus Stil und Komfort. Aber mal ehrlich, wird der Nike Cortez nun der nächste It-Schuh? Ganz sicher nicht. Der Cortez ist nämlich viel mehr als das. Wer ihn checkt, für den ist er kein Trend, sondern eine Sneaker-Liebe fürs Leben.



Text: Anastasia Marks

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